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SAP im KI-Zeitalter: Konzernumbau gegen Software-Tod

Die rasante Entwicklung der KI bedroht SAPs Geschäftsmodell. Statt statischer Software könnten dynamische KI-Agenten die Arbeit übernehmen.

18. März 2026
9 Min. Lesezeit
Eine fotorealistische Außenaufnahme zeigt eine Geschäftsfrau im Vordergrund, die auf ihr Smartphone blickt, während sie vor einem SAP-Bürogebäude in Walldorf geht. Sie trägt einen dunkelblauen Hosenanzug und eine schwarze Ledertasche. Der SAP-Schriftzug ist prominent auf einem großen Schild links und an der gläsernen Eingangstür rechts zu sehen. Das Smartphone-Display zeigt einen fallenden Börsenchart. Das Umfeld ist modern mit Betonwegen und kahlen Bäumen im Winter. Die Lichtstimmung ist natürlich bei Tageslicht.

Der Duft von Kaffee und die leise Betriebsamkeit eines Montagmorgens durchzieht die Vorstandsetagen der SAP SE in Walldorf. Doch die Ruhe täuscht. Europas wertvollster Softwarekonzern steht vor einer fundamentalen Neuausrichtung. Eine radikale These aus dem Silicon Valley, wonach Künstliche Intelligenz (KI) traditionelle Software überflüssig machen könnte, erschüttert das Fundament eines Geschäftsmodells, das jahrzehntelang als unantastbar galt: Software as a Service (SaaS).

Auf einen Blick: Die rasante Entwicklung der KI stellt das traditionelle Geschäftsmodell von Softwarekonzernen wie SAP infrage. Statt komplexer, statischer Anwendungen könnten dynamische KI-Agenten die Arbeit übernehmen. SAP begegnet dieser Bedrohung mit einem radikalen Konzernumbau und setzt auf die Integration von KI in seine bestehenden, datenreichen Unternehmenssysteme. Dabei positioniert sich der Konzern als zentraler Rohstofflieferant in der KI-Ökonomie, muss aber noch Überzeugungsarbeit bei seinen Kunden leisten, die teils noch mit der Cloud-Migration ringen.

Der Tod der Software? Eine These, die SAPs Fundament erschüttert

Die Idee, die in Tech-Kreisen als "Fast Fashion Software" kursiert, ist bestechend einfach und zugleich disruptiv: KI-Agenten könnten Software in Sekunden generieren und ebenso schnell wieder verwerfen, maßgeschneidert für den jeweiligen Bedarf. Dies würde die ökonomische Logik der Softwareindustrie grundlegend verändern, weg von festen Entwicklungskosten und massenhafter Verbreitung hin zu einem bedarfsorientierten Ansatz mit laufenden Inferenzkosten und individuellen Anpassungen.

Die Angst vor der Obsoleszenz klassischer Software ist spürbar. Die SAP-Aktie hat Anfang 2026 deutliche Rückgänge erlebt. Nach der Veröffentlichung der Zahlen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2025 am 29. Januar 2026 fiel der Kurs um 15 Prozent, der stärkste Tagesverlust seit Oktober 2020, was die Marktkapitalisierung um über 40 Milliarden Euro schmälerte. Bis zum 20. Februar 2026 hatte sich der Kurs im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Drittel reduziert. Christian Klein, CEO von SAP, räumte in einem Interview Ende Februar 2026 ein, dass die Aktie seit dem Höchstkurs um 40 Prozent gefallen sei, betonte jedoch die Standfestigkeit der Strategie. Analysten wie Angelo Meda von Banor SIM sehen die Sorge um den Wert der Dienstleistungen von SAP als gerechtfertigt an, da KI viele Module einfacher entwickelbar und replizierbar machen könnte, was den durchschnittlichen Verkaufspreis der Dienstleistungen senken würde.

Daten statt Modelle? SAPs Gegenthese und die europäische Chance

Doch in Walldorf herrscht eine andere Überzeugung. Der KI-Wettbewerb, so ist man sich sicher, wird nicht von den besten Modellen entschieden, sondern von den besten Daten. Und genau diese Daten stecken am strukturiertesten in den Systemen von SAP. KI-Agenten werden nur dann wirklich nützlich, wenn sie nicht nur ein starkes Modell haben, sondern auch auf den Kontext und die internen Systeme eines Unternehmens zugreifen können, um Einkaufsprozesse, Lieferketten oder Produktionsabläufe zu verstehen. Christian Klein betonte bereits im Juli 2025, dass die Vorteile von KI nur zum Tragen kommen, wenn sie tief in Geschäftsprozesse eingebettet ist und auf drei Säulen ruht: moderne Cloud-Software, modernes Datenmanagement und einen konsistenten Stack von KI-Technologien.

SAP hat nie versucht, das nächste große Sprachmodell zu bauen, das mit OpenAI oder Anthropic direkt konkurriert. Die Strategie war von Anfang an eine andere: bestehende Modelle in die eigenen Produkte einzubauen und den Wert dort zu schaffen, wo sie auf echte Geschäftsprozesse treffen. Klein bekräftigte im Februar 2026 eine umfassende Fünf-Punkte-Strategie, die auf künstliche Intelligenz und eine vereinheitlichte Datenarchitektur setzt, um KI nativ in Kern-Workflows zu integrieren und Datensilos aufzubrechen. Die Gegenwette lautet: Modelle werden mit der Zeit austauschbar. Wirklich entscheidend ist dann nicht mehr nur, welches Modell im Hintergrund läuft, sondern wer die Daten hat, mit denen KI in Unternehmen überhaupt erst sinnvoll arbeiten kann. Für Europa könnte genau das die eigentliche Chance sein: nicht im Bau des nächsten ChatGPT, sondern in den Unternehmensdaten, die in Industrie und Wirtschaft jeden Tag neu entstehen. Laut einer Bitkom-Studie vom März 2026 nutzen bereits 41 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz.

Marketing vor Realität? Die Herausforderungen der SAP-KI-Strategie

Der deutsche Softwarekonzern ist das Thema KI lange eher vorsichtig angegangen. Seit 2023 versucht SAP jedoch, den Rückstand aufzuholen. Unter dem Label „Business AI“ baut der Konzern KI-Funktionen in seine bestehenden Produkte ein. Kurz darauf kam mit „Joule“ auch ein eigener Assistent dazu, der quer durch die SAP-Welt zum Einstiegspunkt für diese Funktionen werden soll. Joule ist in nahezu alle Cloud-Lösungen von SAP integriert und soll die Produktivität erhöhen, indem er Arbeitsabläufe rationalisiert und wiederkehrende Aufgaben automatisiert. SAP hat bis Ende 2025 über 350 KI-Funktionen, darunter Joule Agents, und mehr als 2.400 Joule Skills in sein Portfolio integriert. Mit dem Joule Analytics Center erhalten Kunden detaillierte Einblicke in die Nutzungs- und Engagement-Daten der Anwender.

In der Praxis bleibt der große Durchbruch bisher jedoch aus. Der DSAG-Investitionsreport 2026, der auf einer Umfrage von Ende 2025 bis Januar 2026 unter 198 SAP-Anwenderunternehmen basiert, zeigt, dass 43 Prozent der Unternehmen zwar KI-Use-Cases produktiv umgesetzt haben, die Mehrheit dabei jedoch nicht auf SAP-Lösungen setzt. Jens Hungershausen, DSAG-Vorstandsvorsitzender, merkte an, dass die Investitionsentscheidungen weniger Visionen als vielmehr der Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Integrationsfähigkeit folgen. Eine Horváth-Studie vom November 2025 ergab, dass sechs von zehn Unternehmen, die sich in der S/4HANA-Transformation befinden, sich nicht agil genug fühlen, um den KI-Copiloten Joule parallel zu implementieren. Viele Unternehmen stecken noch mitten in der Umstellung auf S/4HANA und in der Cloud-Migration. Laut der valantic SAP Studie 2025 haben zwar 40 Prozent der Unternehmen laufende S/4HANA-Migrationsprojekte und 27 Prozent diese bereits abgeschlossen, doch der Weg ist oft steinig, wie die Tatsache zeigt, dass 84 Prozent der Unternehmen nach einer ersten Cloud-Migration Rückschläge erlebten. Hinzu kommt, dass die Nutzung der KI-Funktionen oft an Cloud-Lösungen gebunden ist und On-Premise-Kunden ausgeschlossen sind.

Der große Umbau bei SAP

Die SAP reagiert auf diese Herausforderungen nicht nur mit neuen KI-Funktionen, sondern mit einem umfassenden Konzernumbau. Christian Klein betrachtet KI nicht mehr als zusätzliches Produktmodul, sondern als die nächste große Transformation von SAP. Ähnlich war es Ende 2020, als Klein den Konzern radikal auf die Cloud ausrichtete, was sich auszahlte: Für 2026 erwartet SAP einen Cloud-Umsatz von 25,8 bis 26,2 Milliarden Euro.

Jetzt soll derselbe Kraftakt noch einmal gelingen, diesmal mit KI. Klein hat die rund 110.000 Mitarbeiter auf einen neuen Konzernumbau eingeschworen. Produktportfolio, Vertrieb, Lizenzierung und interne Abläufe sollen neu aufgestellt werden. Dies zeigt sich auch im Vorstand: Christian Klein gibt die Verantwortung für den Vertrieb ab, um sich stärker auf Künstliche Intelligenz zu konzentrieren. Thomas Saueressig (40), seit 2019 im SAP-Vorstand, übernimmt ab dem 1. April 2026 als Chief Customer Officer die neu geschaffene "Customer Value Group". Diese neue Einheit bündelt die gesamte Customer Journey – von Vertrieb über Auslieferung, Service und Support – um die Einführung und Nutzung der Cloud- und KI-gestützten Lösungen von SAP zu beschleunigen. Klein betonte, dass in einem Geschäft, in dem Akzeptanz und Verlängerung den Erfolg definieren, die Grenzen zwischen Vertrieb und Bereitstellung verschwinden.

Christian Klein und die europäische KI-Wette

Christian Klein hat SAP schon einmal durch einen tiefen und schmerzhaften Umbau geführt: weg vom klassischen Lizenzgeschäft hin zur Cloud. Jetzt steht Klein vor der nächsten Wende, die womöglich noch riskanter ist. Denn diesmal geht es nicht nur um ein neues Vertriebsmodell, sondern um die Frage, welche Rolle Software überhaupt noch spielt, wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt.

SAP wollte nie das eine große Sprachmodell bauen, das mit OpenAI oder Anthropic direkt konkurriert. Die Wette war von Anfang an eine andere: dass Modelle austauschbar werden und am Ende nicht das Modell allein entscheidet, sondern die Integration in echte Geschäftsprozesse und der Zugriff auf Unternehmensdaten. Genau darin könnte die eigentliche europäische Chance liegen: nicht im nächsten Milliardenrennen um das größte Modell, sondern dort, wo KI mit realen Daten aus Industrie, Logistik, Einkauf und Produktion arbeiten kann. SAP ist gerade mehr als ein Unternehmen unter Druck – SAP ist ein Testfall für Europa. Wenn Europas wichtigster Softwarekonzern beweist, dass strukturierte Geschäftsdaten der eigentliche Rohstoff der KI-Ökonomie sind und KI nicht das Ziel, sondern das neue Betriebssystem für moderne Geschäftsprozesse ist, dann könnte aus dem vermeintlichen Nachzügler am Ende doch noch einer der wichtigsten Gewinner werden.

Haeufig gestellte Fragen

Was ist die "Fast Fashion Software"-These im Kontext von KI und SAP?

Die "Fast Fashion Software"-These besagt, dass KI-Agenten in Zukunft in der Lage sein könnten, spezifische Software-Anwendungen dynamisch und in Sekundenschnelle zu generieren, die sich an veränderte Geschäftsanforderungen anpassen und ebenso schnell wieder verschwinden. Dies würde traditionelle, statische Softwarelösungen wie SAP überflüssig machen und die ökonomische Logik der Softwareentwicklung grundlegend verändern.

Welche Rolle spielen Daten für SAP in der KI-Ära?

SAP ist überzeugt, dass der eigentliche Wert von KI in der Qualität und Struktur der Daten liegt, nicht primär in den KI-Modellen selbst. SAPs Systeme enthalten hochstrukturierte Geschäftsdaten, die für KI-Agenten unerlässlich sind, um sinnvoll zu agieren und Geschäftsprozesse mit dem notwendigen Kontext zu verstehen. Christian Klein betonte, dass KI nur dann Vorteile bringt, wenn sie tief in Geschäftsprozesse eingebettet ist und auf modernen Cloud-Lösungen und Datenmanagement aufbaut.

Wie reagiert SAP auf die Herausforderungen der KI-Revolution?

SAP reagiert mit einem umfassenden Konzernumbau, um sich als zentraler Akteur in der KI-Ökonomie zu positionieren. Dazu gehört die Integration von KI-Funktionen wie dem Assistenten Joule in bestehende Produkte, die Neuausrichtung von Produktportfolio, Vertrieb und internen Abläufen. Christian Klein hat zudem die Verantwortung für den Vertrieb abgegeben, um sich stärker auf Künstliche Intelligenz zu konzentrieren, und Thomas Saueressig zum Chief Customer Officer ernannt, der die neue Customer Value Group leitet, um die Kundenbindung zu stärken.

Das Wichtigste in Kuerze

  1. KI-Disruption: Die "Fast Fashion Software"-These und der Aufstieg von KI-Agenten bedrohen traditionelle SaaS-Modelle, was sich in deutlichen Kursverlusten der SAP-Aktie Anfang 2026 widerspiegelte.
  2. Daten als Rohstoff: SAP setzt auf den Wert seiner strukturierten Geschäftsdaten als entscheidenden Rohstoff für effektive KI-Anwendungen, da Modelle ohne Kontext und Zugriff auf interne Prozesse begrenzt nützlich sind.
  3. Strategischer Umbau: CEO Christian Klein treibt einen tiefgreifenden Konzernumbau voran, inklusive der Neuausrichtung von Führungspositionen und der Bündelung von Vertrieb und Kundenservice in einer neuen Customer Value Group unter Thomas Saueressig ab April 2026.
  4. Erster Schritt: Unternehmen sollten ihre eigenen internen Datenstrukturen und -prozesse überprüfen und optimieren, um die Basis für den sinnvollen Einsatz von KI-Agenten zu schaffen und von den neuen Möglichkeiten der Business AI zu profitieren.

Ueber Business Automatica

Business Automatica senkt Prozesskosten durch Automatisierung manueller Taetigkeiten, hebt die Qualitaet beim Datenaustausch in komplexen Systemarchitekturen und verbindet On-premise Systeme mit modernen Cloud- und SaaS-Architekturen. Angewandte kuenstliche Intelligenz im Unternehmen ist dabei ein integraler Bestandteil. Zudem bietet Business Automatica auf Cybersicherheit ausgerichtete Automatisierungsloesungen aus der Cloud.

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