
Der Moment, in dem die Theorie der Praxis weicht, lässt sich oft an einer einzigen Zahl festmachen. In der Welt des Quantencomputings war diese Zahl lange Zeit eine ferne Verheißung, doch im November 2024 markierten Forscher von Volkswagen und dem finnisch-deutschen Startup IQM einen Wendepunkt: Mit lediglich 13 Qubits gelang es ihnen, chemische Reaktionen in Lithium-Ionen-Batterien mit einer Präzision zu simulieren, für die klassische Algorithmen bisher das Mehrfache an Rechenleistung benötigt hätten [1]. Es ist das Ende der Ära der reinen Grundlagenforschung. Die deutsche Industrie tritt ein in die Phase der „Utility Scale“ – der praktischen Nützlichkeit [2].
Dabei geht es längst nicht mehr nur um schnellere Rechner. Es geht um die Symbiose zweier Megatrends: Quantum Computing (QC) und Künstliche Intelligenz (KI). Diese Konvergenz, oft als „Quantum AI“ bezeichnet, verspricht, die Grenzen der klassischen Datenverarbeitung zu sprengen [2]. Während herkömmliche KI-Modelle beim Training gigantischer Datensätze zunehmend an energetische und zeitliche Limits stoßen, könnten Quantenalgorithmen diesen Prozess von Wochen auf Stunden verkürzen [2].
Auf einen Blick: Quantum Computing erreicht die industrielle Anwendungsreife und revolutioniert durch die Verbindung mit KI (Quantum Machine Learning) die Materialforschung und Logistik. Deutsche Unternehmen wie VW, BMW und BASF nutzen die Technologie bereits für konkrete Optimierungen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten Entscheider jetzt in Pilotprojekte und Fachkräfte investieren.
Batterien und Flugsteige: Die Präzision des Unmöglichen
Die Anwendungsfelder in der deutschen Kernindustrie sind so vielfältig wie komplex. Bei Volkswagen nutzt man die Quanten-KI, um die chemische Genauigkeit bei Batteriesimulationen zu erhöhen, was die Entwicklung leistungsfähigerer Elektroantriebe beschleunigen könnte [1]. Das Team setzte dabei auf eine hybride Methode, den sogenannten Auxiliary-field Quantum Monte Carlo-Algorithmus, der selbst den bisherigen „Goldstandard“ klassischer Berechnungen übertraf [1].
Ähnliche Ambitionen verfolgt die BMW Group. Gemeinsam mit NVIDIA und Classiq arbeitet der Automobilhersteller daran, die elektrischen und mechanischen Architekturen künftiger Fahrzeuggenerationen zu perfektionieren [3]. Hier geht es um die Simulation von Kühlsystemen und Antriebssträngen, aber auch um die ganz profane Effizienz in der Fabrik: Die Routenplanung von Robotern in den Werkhallen wird durch Quantenalgorithmen auf ein neues Niveau gehoben [3]. Da die KI in der deutschen Autoindustrie: Strategischer Imperativ bereits heute die Effizienz steigert, ist die Integration von Quanten-Technologien der nächste logische Schritt.
Wie drastisch die kombinatorische Komplexität in der Industrie ansteigen kann, zeigt ein Beispiel aus der Luftfahrt. Lufthansa Industry Solutions entwickelte gemeinsam mit der Universität Hamburg Algorithmen für das „Airport Gate Assignment“ [2]. Was simpel klingt, ist mathematisch ein Albtraum: Bei nur 15 Gates und 10 Flugzeugen ergeben sich bereits über 570 Milliarden Kombinationsmöglichkeiten [2]. Ein klassischer Rechner braucht für die optimale Lösung zu lange; ein Quantencomputer löst solche Probleme mit einer Eleganz, die in der Branche als „Quantum Advantage“ bezeichnet wird.
Milliardenwerte und der deutsche Spagat
Das wirtschaftliche Potenzial dieser Technologie ist gewaltig. McKinsey prognostiziert für die Kernmärkte Chemie, Pharma, Mobilität und Finanzen eine Wertschöpfung von bis zu 2 Billionen US-Dollar bis zum Jahr 2035 [2]. Deutschland hat die Zeichen der Zeit erkannt und investiert massiv: Mit 5,2 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Mitteln liegt die Bundesrepublik weltweit auf Platz zwei, nur geschlagen von China [2].
Doch hinter den glänzenden Zahlen der Investitionsprogramme verbirgt sich eine paradoxe Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2026 verfolgen derzeit 64 Prozent der Unternehmen eine „Follower-Strategie“ – sie warten ab, was die Pioniere tun [2]. Zwar sehen zwei Drittel der Firmen im Quantencomputing eine strategische Chance, doch die Hürden sind hoch [2]. 65 Prozent der Unternehmen klagen über einen massiven Fachkräftemangel, der den Einstieg in die Technologie erschwert [2]. Angesichts der aktuellen Chemieindustrie in der Krise: KI als Ausweg suchen viele Unternehmen nach Wegen, um durch technologische Innovationen wieder an Boden zu gewinnen.
Zudem schwingt eine existenzielle Sorge mit: 94 Prozent der Befragten identifizieren IT-Sicherheitsrisiken durch QC [2]. Das Schlagwort „Harvest now, decrypt later“ beschreibt die Gefahr, dass heute gestohlene, verschlüsselte Daten in wenigen Jahren von Quantencomputern mühelos geknackt werden könnten [2].
Die Demokratisierung der Quantenkraft
Um den Transfer von der Forschung in den Mittelstand zu forcieren, entstehen derzeit neue Infrastrukturen. In Heilbronn wurde 2025 das Fraunhofer-Lab „flaQship“ als Zentrum für anwendungsorientierte Quanten-KI etabliert [4]. Zeitgleich brachte das Fraunhofer-Institut die Open-Source-Software „AutoQML“ auf den Markt [2]. Sie soll es Unternehmen ermöglichen, Quanten-Machine-Learning für Aufgaben wie Preisprognosen oder Bilderkennung zu nutzen, ohne dass dafür tiefgreifendes Expertenwissen im Bereich der Quantenphysik nötig wäre [2].
Auch die großen Player schaffen Plattformen. NVIDIA kündigte für November 2025 den Bau der ersten industriellen KI-Cloud-Plattform in Deutschland an, um Autobauer wie BMW und Mercedes-Benz bei der Simulation von Produktdesigns zu unterstützen [2]. Siemens geht einen ähnlichen Weg und integriert „Quantum-as-a-Service“ des Partners Terra Quantum in seinen Digital Twin Marketplace [5]. Ingenieure können dort quantengestützte Simulationen für autonome Drohnennetzwerke oder Fahrzeugsysteme einfach abrufen [5]. Wer heute bereits auf Predictive Maintenance - Vorteile und Anwendungsbeispiele setzt, legt das Fundament für die datengetriebene Fabrik der Zukunft.
Dass aus diesen Entwicklungen echte Weltmarktführer entstehen können, zeigt das Beispiel Terra Quantum. Das deutsch-schweizerische Startup gab im April 2026 Pläne für einen Börsengang via SPAC bekannt, mit einer Bewertung von 3,25 Milliarden US-Dollar [6]. Es ist ein Signal an den Markt: Quantencomputing ist kein Laborexperiment mehr, sondern ein Geschäftsmodell.
Ein Wendepunkt für die Innovation
„Quantencomputing hat das Potenzial, Innovationen in jedem Sektor neu zu definieren“, betont Robert Bruckmeier, General Manager Computing bei der BMW Group [3]. Auch Isabell Gradert von Airbus sieht die Technologie eindeutig auf dem Weg in die industrielle Anwendung [2]. Für die deutsche Industrie bedeutet dies eine Phase des Umbruchs. Der Vorsprung durch Technik wird künftig nicht mehr nur in mechanischer Präzision gemessen, sondern in der Fähigkeit, die Gesetze der Quantenmechanik für die Optimierung von Lieferketten, die Entdeckung neuer Materialien oder die Sicherung der digitalen Souveränität zu nutzen.
Dr. Ralf Wintergerst, Präsident des Bitkom, bringt es auf den Punkt: Die Unternehmen benötigen keine hochtrabenden Visionen mehr, sondern „handfeste Einstiegshilfen“ [2]. Der Werkzeugkasten dafür ist mittlerweile gefüllt – von der Cloud-Plattform bis zur Open-Source-Software. Die Frage für deutsche Industrieunternehmen ist nicht mehr, ob die Quanten-KI kommt, sondern wer sie zuerst in einen messbaren Wettbewerbsvorteil verwandelt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der konkrete Vorteil von Quantum Machine Learning (QML) gegenüber klassischer KI?
QML nutzt Quantenalgorithmen, um das Training komplexer Modelle, wie etwa Large Language Models (LLMs), massiv zu beschleunigen. Während klassische Systeme bei riesigen Datensätzen an ihre Grenzen stoßen, können Quantencomputer Berechnungen von Wochen auf wenige Stunden verkürzen und die Präzision in der Materialforschung erhöhen [2].
Welche deutschen Branchen profitieren am stärksten vom Quantencomputing?
Besonders die Automobilindustrie (Batteriesimulation bei VW, Architektur-Optimierung bei BMW), die Chemiebranche (Logistik bei BASF) und die Logistik (Gate Assignment bei Lufthansa) erzielen bereits heute erste messbare Ergebnisse [2][1][7][3]. McKinsey schätzt das Wertschöpfungspotenzial in diesen Kernmärkten auf bis zu 2 Billionen USD bis 2035 [2].
Wie können mittelständische Unternehmen ohne eigene Experten in die Technologie einsteigen?
Unternehmen können auf Open-Source-Lösungen wie „AutoQML“ vom Fraunhofer-Institut zurückgreifen, die den Einsatz von Quanten-KI ohne tiefes Expertenwissen ermöglichen [2]. Zudem bieten Plattformen wie der Digital Twin Marketplace von Siemens „Quantum-as-a-Service“ an, um komplexe Simulationen über die Cloud zu berechnen [5].
Das Wichtigste in Kürze
- Quanten-KI: Die Verknüpfung von Quantencomputing und KI verkürzt Trainingszeiten von Modellen drastisch und erhöht die Genauigkeit in der Forschung [2].
- Marktpotenzial: Deutschland investiert mit 5,2 Mrd. USD weltweit am zweitstärksten in diese Technologie, während McKinsey ein globales Potenzial von 2 Bio. USD prognostiziert [2].
- Sicherheitsrisiko: 94 % der Unternehmen sehen in QC ein Risiko für heutige Verschlüsselungsverfahren („Harvest now, decrypt later“) [2].
- Erster Schritt: Nutzen Sie bestehende Open-Source-Tools wie AutoQML oder Cloud-Angebote von Siemens und NVIDIA für erste Pilotprojekte [2][5].
Quellen:
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